Algorithmen entscheiden längst nicht mehr nur darüber, welche Werbung wir sehen oder welche Route uns ein Navigationssystem vorschlägt. Auch in der Arbeitswelt übernehmen digitale Systeme zunehmend Aufgaben, die früher Führungskräften oder Disponent:innen vorbehalten waren: Sie verteilen Aufträge, legen Reihenfolgen fest, messen Leistung, überwachen Arbeitsfortschritte oder erstellen Bewertungen.
Für diese Form der digitalen Arbeitssteuerung hat sich der Begriff algorithmisches Management etabliert.
Was zunächst nach effizienterer Organisation klingt, kann die Arbeit tatsächlich erleichtern. Algorithmische Systeme können Informationen schneller verarbeiten, Routineaufgaben übernehmen, Abläufe koordinieren und Beschäftigte bei Entscheidungen unterstützen. Gleichzeitig können sie aber Arbeitsbedingungen schaffen, die psychisch belastend sind. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) weist ausdrücklich darauf hin, dass KI-basierte und algorithmische Managementsysteme unter anderem mit einer Verringerung der Autonomie, Stress, Ermüdung und weiteren psychosozialen Risiken verbunden sein können.
Was ist algorithmisches Management?
Von algorithmischem Management spricht man, wenn digitale Systeme Daten über Beschäftigte oder Arbeitsprozesse erfassen und daraus Entscheidungen oder Empfehlungen zur Steuerung von Arbeit ableiten.
Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Ein System kann beispielsweise:
- Arbeitsaufträge automatisch zuteilen,
- Arbeitsgeschwindigkeit oder Produktivität erfassen,
- Pausen oder Einsatzzeiten planen,
- Zielwerte vorgeben,
- Beschäftigte anhand von Kennzahlen vergleichen,
- Kund:innenbewertungen in Leistungsbeurteilungen einbeziehen oder
- Führungskräften automatisierte Leistungsbewertungen und Handlungsempfehlungen liefern.
Besonders bekannt ist algorithmisches Management aus der Plattformarbeit, etwa bei Liefer- oder Fahrdiensten. Die Technologie hält jedoch zunehmend auch in klassische Unternehmen Einzug, beispielsweise in Logistik, Produktion, Handel, Callcentern oder administrativen Tätigkeiten. Die Europäische Kommission beschäftigt sich deshalb mittlerweile ausdrücklich mit den arbeitsrechtlichen und gesundheitlichen Folgen algorithmischer Arbeitssteuerung.
Nicht der Algorithmus ist das Problem
Jedoch: Eine digitale Technologie ist nicht automatisch eine psychische Gefährdung. Entscheidend ist, wie durch sie die Arbeit gestaltet wird.
Auch das Arbeitnehmer:innenschutzgesetz (ASchG) richtet den Blick nicht auf einzelne Technologien, sondern auf die Arbeitsbedingungen. Bei der Evaluierung psychischer Belastungen sind unter anderem Arbeitsaufgaben, Tätigkeiten, Arbeitsabläufe, Arbeitsorganisation, Arbeitsumgebung und soziale Beziehungen zu berücksichtigen.
Algorithmisches Management wird daher insbesondere dann relevant, wenn dadurch belastende Arbeitsbedingungen entstehen.
Wenn der Handlungsspielraum schrumpft
Ein zentraler Risikofaktor ist ein Verlust an Autonomie und Handlungsspielraum.
Wenn ein Algorithmus laufend vorgibt, welcher Auftrag als Nächstes bearbeitet werden muss, wie viel Zeit dafür zur Verfügung steht oder in welcher Reihenfolge Tätigkeiten auszuführen sind, bleibt Beschäftigten möglicherweise immer weniger Möglichkeit, ihre Arbeit selbst zu organisieren.
Genau solche eingeschränkten Entscheidungs- und Einflussmöglichkeiten zählen zu den klassischen arbeitsbedingten psychischen Belastungsfaktoren. Auch die österreichische Arbeitsinspektion nennt ausdrücklich fehlende Entscheidungsfreiheit sowie geringen Einfluss auf Arbeitstempo oder Arbeitsprozess als mögliche psychische Belastungsfaktoren. Aus einem technischen Steuerungsinstrument kann damit ein wichtiges Thema des Arbeitnehmer:innenschutzes werden.
Doch auch betriebswirtschaftlich ist dieser Aspekt von großer Relevanz: Die arbeitspsychologische Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass Autonomie einer der wichtigsten Motivationsfaktoren ist. Organisationen sollten also schon aus Eigeninteresse bestrebt sein, den Handlungsspielraum ihrer Beschäftigten nicht mehr als unbedingt erforderlich zu beschränken.
Wenn jede Minute messbar wird
Ein weiteres Problem entsteht, wenn digitale Systeme eine immer detailliertere Leistungs- und Verhaltenskontrolle ermöglichen.
Wie viele Vorgänge wurden bearbeitet? Wie lange dauerte ein Arbeitsschritt? Wie lange war jemand inaktiv? Wie schnell wurde auf eine Nachricht reagiert?
Für Unternehmen liefern solche Daten möglicherweise wertvolle Informationen. Für Beschäftigte kann jedoch das Gefühl entstehen, ständig beobachtet und bewertet zu werden. Besonders belastend wird dies, wenn Kennzahlen permanent sichtbar sind, Beschäftigte miteinander verglichen werden oder nicht nachvollziehbar ist, welche Konsequenzen bestimmte Messwerte haben. Die EU-OSHA verweist in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf Risiken für Privatsphäre und Wohlbefinden sowie auf psychosoziale Risiken durch intensive digitale Überwachung.
Wenn der Algorithmus das Arbeitstempo bestimmt
Algorithmisches Management kann außerdem zur Arbeitsintensivierung beitragen.
Digitale Systeme können Leerlaufzeiten erkennen, Prozesse optimieren und Arbeitsaufträge immer dichter takten. Was aus betriebswirtschaftlicher Perspektive effizient erscheint, kann für Beschäftigte bedeuten, dass natürliche Puffer verschwinden: Ein Auftrag folgt unmittelbar auf den nächsten, Pausen werden schwieriger und unvorhergesehene Ereignisse lassen sich kaum auffangen.
Damit können klassische Belastungsfaktoren wie Zeitdruck, Arbeitsüberlastung oder fehlende Erholungsmöglichkeiten verstärkt werden. Gerade starker Zeitdruck und Arbeitsüberlastung gehören nach Angaben der österreichischen Arbeitsinspektion bereits heute zu den häufigsten psychischen Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz.
Wenn Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar sind
Psychologisch besonders problematisch kann die Intransparenz algorithmischer Entscheidungen sein.
Warum wurde mir diese Schicht zugeteilt? Warum bekomme ich bestimmte Aufgaben häufiger als andere? Warum ist meine Bewertung schlechter geworden?
Wenn Beschäftigte solche Entscheidungen nicht nachvollziehen oder beeinflussen können, kann ein Gefühl von Kontrollverlust entstehen. Noch kritischer wird dies, wenn automatisierte Bewertungen Konsequenzen für Einkommen, Einsatzzeiten, Entwicklungsmöglichkeiten oder Arbeitsplatzsicherheit haben. Die Europäische Kommission nennt deshalb Transparenz, menschliche Kontrolle und Schutz vor übermäßiger Überwachung als zentrale Themen bei der Regulierung algorithmischen Managements.
Und: So wie Autonomie essenziell für die Steigerung der Motivation ist, kann wahrgenommene Ungerechtigkeit massiv demotivierend wirken. Es sollte also erhebliches betriebswirtschaftliches Interesse bestehen, stets auf transparente Entscheidungswege zu achten.
Auch Führung verändert sich
Algorithmisches Management betrifft nicht nur Beschäftigte. Auch Führungskräfte können unter Druck geraten, wenn Dashboards, Kennzahlen oder KI-Systeme permanent Leistungsdaten liefern. Es besteht die Gefahr, dass Führung zunehmend auf messbare Kennzahlen reduziert wird.
Die entscheidende Frage lautet irgendwann nicht mehr: „Was braucht mein Team, um gute Arbeit leisten zu können?“, sondern: „Warum liegt die Kennzahl unter dem Sollwert?“
Damit kann sich auch die soziale Qualität von Führung verändern. Gespräche, Unterstützung, situative Entscheidungen und individuelle Besonderheiten drohen gegenüber standardisierten Leistungsindikatoren in den Hintergrund zu treten. Gerade deshalb betont die EU-OSHA, dass ein menschenzentrierter Einsatz algorithmischer Systeme Beschäftigtenbeteiligung und eine systematische Berücksichtigung des Arbeitnehmer:innenschutzes voraussetzt.
Algorithmisches Management gehört in die Evaluierung
Für österreichische Unternehmen ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz: Die Einführung algorithmischer Systeme ist nicht nur ein IT-, Datenschutz- oder Digitalisierungsthema. Sie verändert die psychischen Arbeitsbedingungen.
Die Arbeitsinspektion nennt inzwischen ausdrücklich den Umgang mit digitalen Arbeitsmitteln, digitaler Arbeitsorganisation, digitaler Arbeitsumgebung und digitaler sozialer Interaktion als mögliche psychische Belastungsfaktoren.
Werden durch ein neues System Arbeitsabläufe, Entscheidungsspielräume, Leistungskontrolle oder Arbeitstempo wesentlich verändert, muss geprüft werden, welche Auswirkungen dies auf die bestehenden Belastungen hat. Das ASchG sieht vor, dass eine bestehende Evaluierung überprüft und erforderlichenfalls angepasst werden muss, wenn sich Arbeitsbedingungen wesentlich verändern.
Die richtige Frage lautet nicht: Mensch oder Algorithmus?
Algorithmisches Management bietet zweifellos Chancen. Richtig eingesetzt können digitale Systeme Beschäftigte von Routineaufgaben entlasten, Entscheidungen unterstützen und Arbeitsprozesse besser organisieren.
Entscheidend ist daher nicht, ob Algorithmen zur Steuerung von Arbeit eingesetzt werden, sondern wie sie eingesetzt werden:
- Bleiben Handlungsspielräume erhalten?
- Sind Entscheidungen nachvollziehbar?
- Können Beschäftigte auf Probleme reagieren?
- Werden Leistungsdaten unterstützend oder rein kontrollierend eingesetzt?
- Bleibt ausreichend Zeit für Erholung und Unvorhergesehenes?
- Gibt es weiterhin menschliche Ansprechpartner:innen?
Nicht der Mensch muss sich reibungslos an den Algorithmus anpassen. Gute Arbeitsgestaltung sorgt dafür, dass digitale Systeme menschengerechte Arbeit unterstützen.
Planen Sie die Einführung neuer digitaler Systeme oder möchten Sie psychische Arbeitsbelastungen unter besonderer Berücksichtigung digitaler Systeme evaluieren? Das Institut zur Evaluierung psychischer Belastungen (IEPB) berät praxisnah und unterstützt Sie bei der fachgerechten Evaluierung digitaler Arbeitsbedingungen.